Der Mond als Gärtnergehilfe

FUTURE.

MAR

02

2021

Auf dem Weg zu einer naturnäheren Agrikultur greifen LebensmittelproduzentInnen auch mal zu Methoden, die nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun haben. Macht ja nichts – wenns dem Boden hilft, sind auch leicht esoterische Methoden gern gesehen.

Den Phasen des Mondes beispielsweise wird vieles zugeschrieben. Schliesslich beeinflusst er die Höhe und Zeiten von Ebbe und Flut an den Meeresküsten, und – zumindest gefühlt – auch den Schlaf vieler Menschen. Entsprechend nehmen LandwirtInnen, die nach Demeter-Vorgaben arbeiten, die Mondphasen anhand eines eigens ausgearbeiteten Mondkalenders ganz konkret in ihre Anbauplanung auf. Die ProduzentInnen gehen dabei davon aus, dass der Mond eben nicht nur grosse Wassermassen, sondern auch kleinste Ansammlungen von Flüssigkeit wie im inneren einer Pflanze «anziehen» kann.

Obst wird laut landwirtschaftlichem Mondkalender bei zunehmendem Mond geerntet, weil die Früchte dann besonders saftig seien. Damit nicht genug: Der Mondkalender ist über das Jahr hinweg noch in vier Trigonen unterteilt, denen jeweils drei Sternzeichen zugeordnet sind – die wiederum unterschiedliche Kräfte auf unseren Planeten wirken lassen sollen. Nun ja. Wir bei Soil to Soul bemühen uns ja um einen möglichst wissenschaftlichen Ansatz – regenerative Agrikultur und ihre Auswirkungen aufs Klima und unserer Gesundheit sind eine zu ernste Sache, als dass ihr ein Ruch der Unwissenschaftlichkeit anhängen sollte. Ein Beispiel: Wenn ein Produzent wie die Schweizer Firma Kadi seit zwei Jahren sogenannte Vollmond-Frites anbietet, die jedoch weder nach den Regeln von Bio noch jenen von Demeter produziert werden, dann arbeitet man eindeutig im Graubereich zwischen Marketing und ausgenutzter Gutgläubigkeit naiver Zielgruppen. Immerhin: «Die Vollmond Frites stammen aus der unmittelbaren Nachbarschaft von Kadi» und werden mit «Strom der zu 100% aus Schweizer Wasserkraft produziert wurde» hergestellt.

Etwas ernster darf man wohl die Bemühungen des Star-Küchenchefs Mauro Colagreco nehmen, dessen vielfach ausgezeichnetes Restaurant Mirazur bei Nizza im letzten Sommer ein Mondemenü auf die Karte setzte. Colagreco sieht sich eher als Gärtner denn als Koch, weshalb zum Lokal ein verzauberter Garten gehört, in dem 150 verschiedene Pflanzen gedeihen und Hühner frei herumspazieren, wobei sie im Vorbeigehen die Bodenqualität verbessern. Colagreco liess zur Lancierung des Mondmenüs nach dem Lockdown 1 verlauten, mit dem Mondmenü «eine völlig neue Erfahrung für die Gäste zu schaffen und die Natur tief mit der Küche und letztendlich mit dem Teller» zu verbinden. Auch hier steht offensichtlich Storytelling im Vordergrund – wer daran glaubt, wird mit Sicherheit ein Mehr an Genuss empfinden. Und wer nicht daran glaubt, hat immerhin fein gespiesen.

Nichts gegen Storytelling, wenn es die Liebe zur Sache befördert – so viel kann man zum Einsatz des Mondes in der Landwirtschaft sagen. Wer im Garten und auf dem Feld oder im Umgang mit seinen Tieren den Mondkalender befolgt, wird sich intensiver mit unseren Lebensgrundlagen befassen und deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit ansprechende Ergebnisse – zum Beispiel Lebensmittel mit höherer Nährstoffdichte und besserem Geschmack – erzielen. Klimawandel und der Verlust fruchtbarer Böden sind ja auch Probleme, die wir im Vertrauen auf eine einseitig ausgerichtete Wissenschaft selbst herbeigeführt haben. Als Lösung gesucht ist deshalb jedoch ein ganzheitlicheres Verständnis von Wissenschaft und nicht das Abdriften in esoterische Gefilde. Sonst ist es zu einfach, den Bemühungen um regenerative Agrikultur und eine verbesserte Bodengesundheit durch naturnähere menschliche Ernährung in Misskredit zu bringen.